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Tobias Kern

06.03. bis 10.04.2016 in der Kleinen Galerie

Der nicht unumstrittene, aber wohl einflussreichste deutschsprachige Philosoph des 20. Jahrhunderts hat vor mehr als 60 Jahren seine Gedanken beim Gehen auf einem Feldweg in einer Art Prosa-Miniatur aufgezeichnet. Vordergründig beschreibt sie einen heute längst asphaltierten Ackerpfad, der in westlicher Richtung von der Sankt Martinskirche der südbadischen Kleinstadt Meßkirch hinausführt. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen tiefgründigen Besinnungstext. Der Philosoph und Publizist Rüdiger Safranski charakterisiert den Feldweg in seiner Heidegger-Biographie als „ein zugleich wirklicher und imaginärer Ort der metaphysischen Erfahrung, der aus der Erinnerung und der beschwörenden Kraft der Sprache“ lebe.

Tobias D. Kern ist wie Heidegger in Meßkirch geboren und besuchte dort das am Feldweg gelegene Martin-Heidegger-Gymnasium. Als Schüler lernte er den Feldweg noch als Bichtlinger Sträßle kennen, das als Laufstrecke bei den 1000-Meterläufen im Sportunterricht genutzt wurde.

Auslöser für sein Feldweg-Projekt war der Super-Gau von Fukushima im März 2011. Denn Heidegger spricht im Feldweg fast prophetisch von den „Riesenkräften der Atomenergie, die sich das menschliche Rechnen erkünstelt und zur Fessel des eigenen Tuns“ gemacht habe.

Seit Fukushima beging Kern mit einer Großformat-Kamera bei seinen Besuchen in Meßkirch immer wieder den Feldweg von der St. Martinskirche bis zur „roh gezimmerten Bank“ unter der alten Eiche –genau so wie es der Philosoph in seiner Jugend und bei späteren Besuchen in Meßkirch oft getan hatte.

Der Photograph schuf dabei keine dokumentarischen Abbilder des heutigen Feldweges, sondern stille, kontemplative Bilder von der unspektakulären, flach hügeligen Landschaft oberhalb der Ablach, einem kleinen Zufluss der Donau. Kern photographierte bei jedem Wetter, bei jeder Witterung und zu allen Jahreszeiten. Die Aufnahmen vermitteln so die unterschiedlichen Stimmungen des Bildautors beim Begehen des Feldweges. Begleitend zu den Bildern liegen in der Ausstellung für alle Besucher in ausreichender Stückzahl Ausgaben des Feldweges leihweise bereit; und der Bildautor lädt jeden Besucher ein, beim Weg durch die Ausstellung den kurzen Text zu lesen und eigene gedankliche Wechselwirkungen zwischen Text und Bildern zuzulassen.

In der Ausstellung werden rund 25 Selen-getonte Schwarzweiß-Photographien im Format 30 x 40 cm gezeigt, die der Photograph vom 4 x 5-Inch Negativ in einer Auflage von je drei Exemplaren auf Silbergelatine-Barytpapier abgezogen hat. Darüber hinaus erscheint eine limitierte Editionskassette mit sechs ausgewählten Feldweg-Motiven geprintet auf Ilford Art 300 Silbergelatinepapier sowie einer beigelegten Ausgabe des Feldweges aus dem Klostermann Verlag.