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Michael Jastram - Bronzeskulptur u. Zeichnung

22.09. - 05.11.2019 in der Kleinen Galerie

 

Christoph Tannert, Dezember 2017 (Text Katalog – Auszug)

….Sein Werk basiert auf einer nicht ausschließlichen, aber doch charakteristischen Handschrift in Bezug auf das strukturelle Kompositionsprinzip. Genauer gesagt, es basiert auf einem inneren Spannungsprinzip in unterschiedlichen Formen. Das Auspendeln von Ruhe und Statuarik gehört dazu. Ebenso der Einschluss kubistischer Elemente in Gestaltzusammenhängen. Die kompositorische Spannung folgt dabei der Darstellung der Autorität der Hand gegenüber der Materie. Jastram formt, verdichtet, entkernt, baut wieder auf, trägt ab – es ist ein anhaltender Prozess der Balance von Volumina in der Abwägung von Gleichgewichten und Gegengewichten.

……Seine Szenen, die irgendwo zwischen wahrhaftig und dargestellt pendeln, sind nah dran an dem, was nicht nur den Bildhauer Michael Jastram, sondern vor allem den Menschen Jastram ausmacht auf seiner Suche nach dem Wahrhaftigen, selbst wenn seine Figuren nur Typen, keine Individuen darstellen. Feine Psychologie oder die Ausleuchtung seelischer Intimität wird nicht angestrebt. Ihm geht um etwas Authentisches, freilich nicht im Sinne einer Ansammlung von Fakten. Oder einer Ansammlung von Ereignissen. Vielmehr um eine verborgene Authentizität, eine, die das Subjektive zwar streift, aber im Allgemeinen liegt. Jastram gelingt es im besten Fall, an ein spezifisches Lebensgefühl heranzukommen. Selbst wenn es nur für einen Moment sein kann, in dem das skulptural kulminiert – gehalten im An- und Abschwellen des dynamischen Reliefs der Oberflächen. Das hat Wärme, Leben und erwartet körperliche Beteiligung. Man möchte mit der Hand über die Mulden und Erhebungen fahren. Weil Wahrheit eine Konstruktion ist, sind seine Figuren natürlich kein Eins-zu-eins-Abbild der Realität, sondern Teil einer aus Wirklichkeitspartikeln kompilierten, weitergesponnenen, literarisierten Projektion.

 

Matthias Flügge, 2011  (Text Katalog – Auszug)

…Michael Jastram hat diese Urbilder des menschlichen Lebens zu seinem Vokabular gemacht, das scheinbar Einfache, das von so vielen Assoziationen, Ideen, Vorstellungen, auch Utopien – banalen wie höchst elaborierten – angereichert und überformt wurde. Er stellt diese Urbilder nicht dar sondern baut sie gleichsam nach. Menschliche Figuren sitzen oder stehen darin. Jastram baut Wagen, Brücken, Häuser und Türme mit und ohne Treppen und gießt sie in Bronze. Archaisch mutet das alles an, wenn man es so beschreibt, und irgendwie weltfern, sozusagen „aus der Zeit gefallen“.

Doch das trügt gewaltig. Michael Jastram ist keiner, der sich mit musealem Inventar begnügen würde, vielmehr sind da Widerhaken im Getriebe: historische, formale, philosophische, manchmal ironische und auch ein hintergründiger Humor. Michael Jastram spielt souverän mit seinem Metier, der Genreplastik, dem figurativ-architektonischen Material, dem immer etwas Erzählerisches eignet. „Der Sonnenwagen“ – wer dächte da nicht an den aus Übermut abgestürzten Phaeton, nach dem kurioserweise ein deutsches Luxusauto benannt wurde. „Motorhome“ – eine roh gezimmerte Hütte, kein Motor, nirgends.

Denn Jastrams Figuren auf den Wagen, die Architekturen, die zuweilen an aztekische Tempel

…Der Besucher, trotz einiger Erfahrung in unbekannten Ateliers zuweilen fremdelnd, ist nach wenigen Blicken heimisch. Im großen, lichten Studio im Berliner Wedding stehen wie in einem Schaudepot die Plastiken, teils schon als Bronzeguss, teils noch als weiße Form. Fertiges und noch zu Bearbeitendes in unterschiedlichen Formaten. Jastram hat ein sicheres Gespür für Maße und Poportionen, für unterschiedliche Oberflächenstrukturen wie für den Rhythmus der Details. Er beherrscht die offene, nur an das innere Maß gebundene Form. Das Handwerkliche als etwas Geistiges zu verstehen ist die Voraussetzung guter Bildhauerei. Genialische Gesten sind hier fehl am Platz. Und wer das Absurde als Normalzustand der menschlichen Komödie begreift und vorführt, ohne in vergrämte Zivilisationskritik zu verfallen, der kann nur aus einer Position der Menschenfreundlichkeit heraus arbeiten. Eben so wie Michael Jastram.

 

Gabriel Muschter, 2006 (Text Katalog – Auszug)

….. Seit ich die Arbeiten von Michael Jastram kenne, bin ich  reicher geworden – reicher in meiner Wahrnehmung und reicher in meinem Inneren. Mir fallen  Vergleiche und Bilder ein, die ich sonst so nicht kenne. Manche Ausstellungen bleiben stumm, manche Werke sieht man sich schnell über, manche erschließen sich nicht – mit den Werken von Michael Jastram geht es mir anders. Im Blick auf diese Arbeiten öffnen sich  Welten, es sind keine Selbstverständlichkeiten zu finden. Manches geschieht zwischen Deutung und Umdeutung. Seele wird erlebbar. Hoffnung und Trauer gehen eine sinnstarke Symbiose ein.

Was mir vor Jahren noch nicht so klar war: die Wahrnehmung von Kunst hat immer auch mit der eigenen Befindlichkeit zu tun, mit dem, was am Leben interessiert, ist also auch Teil von uns.

…Fragen nach der Subjektivität werden in den Arbeiten neu beantwortet, indem seine Figuren sich fast unmerklich bewegen zwischen Raum und Zeit – hin zur

(Un-)Vergänglichkeit. Die Dialektik zwischen Subjektivität und Objektivität  wird so auf einfache Weise bewusst  gemacht.

Die aus beschriebenen Kontexten heraus beobachteten Zeichnungen regen die Phantasie des Betrachters an, lassen nachdenklich werden über den Umgang mit Bewegung und Transparenz auf der Fläche und im Raum.

Mit seiner reduzierten Bildsprache räumt Michael Jastram das Blickfeld frei - zugunsten von Konzentration und Klarheit.