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Die Geschichte der Stadt Bad Waldsee

Von Waldsee gibt es eine Gründungssage, die erzählt, dass die römische Kaiserin Helena im Jahre 330 den Edlen Emerius nach Germanien schickte.

Sie übergab ihm christliche Heiligtümer, für deren Verehrung er einen Ort ausfindig machen sollte. Emerius überquerte die Alpen und fand einen heiligen Berg, auf dem er eine Kapelle und eine Wohnstatt errichtete. Dann ließ er bei einem schönen Brunnen eine Burg bauen: „Das gemeine Volk leidet da große Noth, und arbeitet allein um das Broth.“ Die Burg wurde Wallsee genannt. In ihr wohnte fortan Alban, der Sohn des Emerius, als Herr von Wallsee.

Text: Michael Barczyk

Noch 1730 feierte die Stadt Waldsee ihr 1400-jähriges Bestehen. Als man später mit der Vergangenheit exakt umgehen lernte, nannte man dies eine Sage. Sagen haben tatsächlich einen anderen Wahrheitsgehalt als historische Quellen. Sie bewahren etwas auf, das dem Volksgedächtnis wichtig genug war, behalten und überliefert zu werden. Auch wenn die römische Kaiserin Helena mit der Gründung von Waldsee nichts zu tun haben sollte, auch wenn nur den ersten Herren von Waldsee damit eine hohe Abkunft bescheinigt werden sollte.

Wesentliches jener Zeit hat sich dennoch in der Sage verdichtet

Das Wesentliche war für die damaligen Bewohner des Landes, dass durch die römischen Eroberer zum ersten Mal Herrschaft begründet wurde. Die Germanen kannten zwar eine Gefolgschaft, aber sie kannten weder Burgen noch Herrschaft. Wenn es etwas zu entscheiden gab, trafen sie sich beim Thing, einer Versammlung, wo jedem das gleiche Stimmrecht zustand.

Das Land gehörte allen

Die römische Lebensform, wonach alles dem Kaiser gehörte und das „gemeine Volk“ für die Obrigkeit arbeitete, war ihnen fremd. Die Römer hinterließen bei ihrem Rückzug die römische Herrschaftsform als bleibendes Erbe. Was dieses Erbe bewirkte, zeigt uns beispielhaft die Geschichte von Bad Waldsee.

Das älteste Dokument, das über Waldsee berichtet, der Weißenburger Codex, nennt das Jahr 926. Damals zerstörten die Ungarn auf ihrem Raubzug durch Süddeutschland viele Orte. In der Urkunde heißt es: In Walahsé ist eine königliche Niederlassung von den Heiden zerstört worden. Zu ihr gehören zwei Huben Ackerland, 60 Karren Wiesenheu, eine Mühle und eine Kirche. Die Könige des frühen Mittelalters hatten die größte Mühe, das künstliche Gebilde des Reiches gegen die Macht der einzelnen Stämme zusammen zu halten. Sie mussten immer im Reich umherziehen, um ihren Einfluss geltend zu machen. Manche wurden Wanderkönige genannt, da sie ständig unterwegs waren.

Walahsé

In jener Zeit entstanden an günstig gelegenen Punkten des Reiches Niederlassungen. Günstig gelegen war Walahsé, weil die Römer eine Straße vom Bodensee zur Donau auf der Landenge zwischen den beiden Seen hindurch gebaut hatten. Dass zu einer Niederlassung eine Kirche gehörte, war durchaus üblich, denn die Verankerung der fränkischen Herrschaft ging mit der Ausbreitung des Christentums Hand in Hand. Die Urkunde zeigt, daß der Name Waldsee nicht auf Wald und See zurückzuführen ist, sondern auf das althochdeutsche „walh“, in dem wir das Wort „welsch“ (fremd) noch erkennen. Die Walchen waren der keltische Stamm, der Süddeutschland bewohnte. Mit ziemlicher Sicherheit ist der Name Walahsé im 4. Jahrhundert entstanden, als die aus dem Norden vordringenden Alemannen das Land eroberten. Das Gut samt Kirche wurde nach dem Ungarneinfall wieder aufgebaut. Im Schutze des Guts schloss sich eine Gemeinschaft von Priestern zusammen. Aus ihnen erwuchs das Kloster der Augustinerchorherren.

Aus den Dienstmannen, die das Königsgut verwalteten, ging im Laufe der Zeit der Ortsadel hervor. Zum ersten Mal spricht Heinrich der Löwe 1171 von Gebehardus und Chunradus de Walchsé. Sie hatten die Burg auf der Burghalde und später auch die Burg Neuwaldsee über dem Urbachtal inne. Ihnen zahlten die Bewohner von Waldsee als Hörige und Leibeigene Abgaben und Zinsen.

Als die Habsburger den Kaiserthron bestiegen, zog es die Herren von Waldsee nach Österreich. Das Abschiedsgeschenk für die Waldseer war nobel: 1298 wurde ihnen das Stadtrecht verliehen. In der königlichen Urkunde heißt es, Waldsee solle sich der gleichen Freiheit und Rechte erfreuen wie die benachbarte Stadt Ravensburg. Eilends wurde eine Abordnung von Waldseern nach Ravensburg geschickt, um von denen die Stadtrechte zu erlernen.

Heimgekehrt, schufen sich die Waldseer ein Gesetzbuch mit 176 Paragraphen. Bis in die Einzelheiten des Brotbackens, Weinschenkens, Hochzeitens, Kindtaufens, Sturmläutens wurde alles bedacht.

Freie Reichsstadt war Waldsee nicht geworden. Es blieb weiter im Besitz der Herren von WaIdsee, die von Österreich aus ein sanftes Regiment führten. Die Stadt konnte sich mit ihren Bauern, Fischern, Leinewebern, Kornhändlern kräftig entwickeln. Das blieb auch so, als die Herren von Waldsee ihre Stadt um 11000 Mark „Iötiges Silber“ an die Herzöge von Österreich verkauften. Gefährlich wurde es erst, als die Habsburger die Stadt an kleine Herren verpfändeten. Da legten die Waldseer Bürger zusammen und brachten die ganze Pfandsumme auf, um sich loszukaufen.

Nichts fürchteten sie mehr als die Fuchtel eines kleinen Territorialherren. Die erkaufte Freiheit währte nicht lange. Obwohl die Stadt die vertragliche Zusicherung hatte, nie mehr verpfändet zu werden, wurde sie 1386 als Pfand an den Truchsess Johann von Waldburg gegeben.

Text: Michael Barczyk

Das Schloss des neuen Herrn stand unmittelbar vor der Stadtmauer. Er nahm die Zügel fest in die Hand. Zu fest für die Waldseer, die an die lange österreichische Leine gewöhnt waren. Als die Bevormundung zu hart wurde, drangen die Waldseer Bürger in das Schloss ein, griffen den Truchsessen an und steckten einige seiner Ökonomiegebäude in Brand. Die Grausamkeit der Strafe, die darauf folgte, ist uns überliefert in den sogenannten „Auflaufbriefen“, in denen der Truchsess sechs der Rädelsführer zum Tode verurteilte. Weitere sechs wurden enteignet, „verrufen und verbannt“ und drei der Bürger hatten auf ewig die Stadt zu meiden. D

Dass es sich bei den Verurteilten um ehrbare Leute handelte, geht aus der Berufsbezeichnung hervor: Messerschmied, Müller, Schlosser, Aichmann, Krämer, Schuhmacher. Aber nicht genug damit. Dieser Auflaufbrief (1392) gebietet, dass der Bürgermeister, der Rat und die ganze Gemeinde jedes Jahr dem Truchsessen Treue schwören. Mit welchen Methoden dieser Treueschwur erreicht werden sollte, zeigt uns ein Passus, der die Bürger untereinander zum Verrat auffordert. Es heißt da: „Wenn einer in der Stadt diesen Eid nicht leistet, und ein anderer dies weiß, so soll er ihn dem Truchsessen anzeigen, sonst sollen beide dem Truchsessen an Leib und Gut ohne alle Gnade verfallen sein.“

Die Waldseer klammerten sich an das österreichische Versprechen die Waldburgherrschaft würde mit dem Tod des Truchsessen Johann zu Ende gehen. Aber während die Habsburger durch ihre Feldzüge immer ärmer wurden, wurde Johann von Waldburg durch seine vier Heiraten immer reicher. So kam 1406 ein neuer Handel zustande: Die Städte Waldsee, Saulgau, Mengen, Riedlingen, Munderkingen wurden für 30445 Gulden endgültig an die Waldburger verpfändet. Noch gab es im Hintergrund die Habsburger, bei denen sich Waldsee über die harte Pfandherrschaft beschwerte.

Text: Michael Barczyk

Als aber Herzog Friedrich von Österreich in Acht und Bann getan wurde, weil er bei dem Konzil zu Konstanz den „falschen“ Papst unterstützt hatte, war Johann von Waldburg der erste, der dem Herzog einen Fehdebrief schickte. Die Herrschaft in Waldsee wurde unerträglich, so dass die Bürger 1415 einen zweiten Aufstand wagten.

Der Truchsess ging mit seinen „Freunden und Gesellen“ mit Waffengewalt gegen die Stadt vor. Am Ende stand ein Friedensdiktat, das als „der böse Brief“ in die Geschichte einging. Nun lag alle „Gewaltsame mit Geboten“ beim Truchsess. Die Stadt musste zahlen und Dienste leisten. Sollte sie eine der Forderungen nicht einhalten, „so sollen sie sämtlich ehrlos, treulos, meineidig und rechtlos heißen und sein, und nichts, weder Kaiser noch Papst soll sie schützen“. Zwölf Familien entflohen dem Joch und suchten in Ravensburg Aufnahme. Aber WaIdburg erreichte, dass die Auswanderer wieder nach WaIdsee zurückkehren mussten.

1424 starb der gestrenge Herr. Auch unter seinem Sohn, Georg I., kam es in Waldsee zu Unruhen. Es wird von Pfeilen berichtet, denen der Truchsess knapp entkam. In jener Zeit, 1426, entstand in Waldsee das kostbare Rathaus. Zu groß eigentlich und zu schön für eine 500-Seelen-Gemeinde. Aber nach all den Demütigungen brauchte die Stadt ein Zeichen der Stärke. „Grad mit Fleiß“, sagen die Oberschwaben, wenn es gilt, sich nicht unterkriegen zu lassen. So entstand in Zeiten der Not eines der schönsten gotischen Rathäuser. Die Kraftfülle der Waldburgischen Truchsessen ist uns überliefert in einem Grabmal von hoher Kunst. In der linken Seitenkapelle der Stiftskirche ist das Bronze-Relief eines Ritters eingelassen. Die Gestalt ist von den Zehen bis zum Lockenhaar mit Leben erfüllt, Gesichtsausdruck und Geste der Hände von beschwörender Ausdruckskraft.

Text: Michael Barczyk

Die gotische Umschrift nennt Name und Sterbetag von Truchsess Georg I., der 1467 starb. Der berühmteste Waldburger ist der 1488 zu Waldsee geborene Georg III., genannt „der Bauernjörg“. Als in fast allen Teilen des Reiches die Bauern aufstanden um gegen die Bevormundung durch Adel und Kirche zu kämpfen, gelang es dem Bauernjörg 1525 diesen Aufstand niederzuschlagen.

So hart war die Kriegsführung, dass sich die Bauern ausgeblutet und ausgebrannt wieder der Obrigkeit fügten. Kaiser Karl V. bedankte sich bei dem siegreichen Feldhauptmann, indem er ihm die Herrschaft Zeil verlieh, die Georgs Vorfahren schon seit 200 Jahren als Reichspfand innehatten. Außerdem wurde Georg III. das Recht verliehen, sich des Heiligen Römischen Reiches Erbtruchsess zu nennen.

Die Waldseer bekamen den Bauernjörg nur selten zu sehen. Meist war er mit großen Aufgaben bis nach Wien, Speyer, Stuttgart unterwegs. Als sich seine Frau mit den Kindern in Gefahr befand, weil die allgäuischen Aufständischen das Schloss bedrohten, wurden sie von Waldsee in den Schutz der Stadt aufgenommen. Es dauerte zwei Jahre, bis sich der Reichserbtruchsess für diese Tat bedankte: 1527 erklärte er den „Bösen Brief“, der hundert Jahre lang auf der Stadt gelastet hatte, für nichtig.

Ein Blutbad besonderer Art fand am Weißen Sonntag 1530 auf dem Kirchplatz zu Waldsee statt. Als der Propst des Chorherrnstifts einen reitenden Boten nach Stuttgart schickte um den Bauernjörg zu unterrichten, dass seine Waldseer eifrig den Lehren der Schweizer Wiedertäufer lauschten, wurden sofort an die 40 Reiter nach Waldsee geschickt. Der Pfandherr selbst folgte mit 700 Mann zu Fuß. Aber er kam zu spät. Vor der Kirche lagen seine toten Reiter.

Die Wiedertäufer waren die am meisten gefürchteten Reformatoren, weil sie lehrten, dass Zins geben unrecht sei und „dass eine Obrigkeit seyn unchristlich sey“. Die Schweizer wurden als Anführer mit dem Schwert hingerichtet, ihre Frauen und Kinder im See ertränkt. Ein Jahr danach ist der Bauernjörg mit 43 Jahren als Statthalter in Stuttgart gestorben. 300 Jahre lang kämpfte Waldsee darum wieder unmittelbar zu Österreich zu gehören.

Erst 1680 gelang es Bürgermeister Molitor für Waldsee und die vier anderen „Vorderösterreichischen Donaustädte“ die Befreiung von der Waldburgischen Pfandherrschaft zu erreichen. 26232 Gulden Lösegeld mussten die Städte aufbringen. Noch waren die Wunden, die Krieg und Pest geschlagen hatten, nicht verheilt, schon brachten die Soldatentruppen des Türkenkriegs und des Erbfolgekriegs neue, schwere Belastungen.

Text: Michael Barczyk

1703 musste die verschuldete Stadt ihr kostbarstes Gut, den See samt Fischereirecht, an das Augustinerchorherrnstift verkaufen. Ohnehin war das Verhältnis der armen Stadt zum reichen Kloster vorwiegend gespannt. Schon 1471 hatten die Waldseer versucht sich aus dem Schlepptau des Klosters zu lösen. Sie wollten eine eigene Pfarrkirche haben und begannen mit dem Bau der Frauenbergkapelle. Aber noch ehe die Kirche fertig war, erklärten Propst und Truchsess die Kapelle zur Filiale der Stiftskirche.

Der Priester musste dem Propst untergeben sein. Ohne dessen Zustimmung durften keine Sakramente gespendet werden. Das Kirchenopfer sollte dem Stift zufallen. Trotz dieser demütigenden Einschränkungen wurde die Frauenbergkapelle für die Waldseer zur bevorzugten Kirche. Als sich das Kloster 1788 auflöste, wurden die großen Ländereien an die Waldburger verkauft. Die Waldseer konnten nur die Gebäude des Stifts erwerben.

Als Napoleon das europäische Staatengefüge veränderte, verlor Österreich seine vorderösterreichischen Besitzungen, Waldsee kam zu Württemberg. 1807 begann eine neue Ära: Waldsee wurde Oberamtsstadt. Aber die Armut hielt an. Ein Arzt berichtet aus jener Zeit: „Die Häuser aus Holz und Riegelwänden sind klein und fürchterlich ineinander gebaut. Man trifft wahre Hütten des Jammers, oft mit einem hässlichen Geruch angefüllt. Außer bei Wirten, Müllern und Fleischhackern herrscht in den Wohnungen unaussprechliche Armut.

Die Stickerei ist für die Mehrzahl der Bewohner der einzige Erwerbszweig.“ Der Abbruch der beengenden Stadtmauern ab 1811 war ein Zeichen des Aufbruchs. Die Schule kam unter staatliche Obhut. Es musste nicht mehr darum gestritten werden, woher der Lehrer das Geld für Kreide, Schwamm und Holz nehmen sollte. Waldsee bekam seine erste Zeitung (1834). Die Stroh und Schindeldächer durften nur noch mit Dachziegeln ausgebessert werden. 1850 leuchteten die ersten Straßenlaternen und 1869 wurde das Symbol allen Fortschritts, die neue Eisenbahn, eingeweiht.

Text: Michael Barczyk

Mit Seidenstoffen, Eiernudeln und Fliesen begann die moderne Produktion. Als Hitler an die Macht kam, wählten in Waldsee 63 % Zentrum, 19 % NSDAP, 5% SPD, 5% KPD. Noch im Februar 1933 konnte man im Waldseer Tagblatt den ironischen Satz lesen: Ochsen eröffnen den Wahlkampf mit einem „Heil-Hitler“-Plakat zwischen den Hörnern.

1938 verlor Waldsee seinen Status als Oberamtsstadt und wurde dem Kreis Ravensburg zugeteilt. 1950 erinnert sich Waldsee daran, daß die Stadtchronik schon 1561 ein „Mayenbad“ erwähnt. Die alte Tradition wird mit Moorbädern wieder aufgenommen. 1956 wird Waldsee das Prädikat „Moorheilbad“ verliehen, 1974 kommt das Prädikat „Kneippkurort“ dazu. Im Rahmen der Gemeindereform kommen 1972 Gaisbeuren, Mittelurbach und Reute zu Bad Waldsee. 1975 werden Haisterkirch und Michelwinnaden eingemeindet. 1994 wird das Gesundheitszentrum „Waldsee-Therme“ eröffnet.

Ansprechpartner:

Michael Tassilo Wild
Stadtarchivar
07524 49851
Klosterhof 3
m.wild@stadtarchiv-bad-waldsee.de

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